Ich liebe Bio-Milch.
Das ist kein Geheimnis – wer mich kennt, weiß, dass ich nervös werde, wenn ich den Tag ohne eine gute Schüssel Müsli oder einen Milchkaffee beginnen muss. Ich laufe dann mit dem Milchkarton in der Hand an verwunderten Gesichtern vorbei in die Uni und treibe meine Kollegen in den Wahnsinn, wenn ich lauwarme Milch im Winter zum Abkühlen auf das Fensterbrett stelle, wo sie unversehens zufriert und durch eine unbedachte Handbewegung zum tödlichen Geschoss wird.
Seit ich im Nationalpark Berchtesgaden die Kühe live und in Action erlebt habe und nun eine Verbindung zwischen der Aufzucht, der Qualität des Futters und dem unverschämt guten Ergebnis herstellen kann, ist es um mich geschehen: Ich bin ein Biomilch-Junkie. Wenn man mich fragen würde, was für mich Luxus bedeutet, würde ich sagen: in zehn Minuten zu Fuß einen Liter Biomilch einkaufen zu können. An einem Ort, wo das möglich ist, kann es keine schlechten Menschen geben. Und in Bamberg konnte ich aus dem Vollen schöpfen: Bärenmarke und Berchtesgadener bei Kupsch (direkt neben der Uni), Domspitz bei REWE (400 m vom cœ) und auch die NORMA-Milch (5 Minuten zum ZOB) war nicht ohne.
Dass es in Amerika wohl schwieriger würde, damit hatte ich gerechnet – wie schwierig, hatte ich mir jedoch in den schlimmsten Träumen nicht vorgestellt: Es gibt in den USA etwa vierzig Hersteller für Milch – davon schreiben zehn “Organic”, also Bio, auf ihre Milch, was aber nichts heißen muss, denn die Bezeichnung ist nicht, wie in Europa, durch Kontrollen geschützt. Es gibt Empfehlungssigel, etwa wie CMA bei uns, von denen manche halbwegs brauchbar sind (etwa das der unabhängigen Verbraucherzentrale) und manche völlig überflüssig (U.S. Department of Agriculture). Seit die Bush-Administration zudem die Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel gekippt hat, herrscht muntere Anarchie im Kühlregal. Die meisten ”organischen” Produkte sind nicht einmal hocherhitzt, aber trotzdem vier (!) Wochen haltbar. Ein Geschäftsmann aus Baltimore klagt momentan und behauptet, ihm sei nach jahrelangem Genuss der Marke Diary Dream eine elfte Zehe gewachsen.
Bis ich das alles herausgefunden hatte, waren ungefähr drei Monate vergangen. Ich hatte etwa dreihundert Meilen im Zipcar zurückgelegt, zwanzig verschiedene Supermärkte besucht und ein paar Dutzend Mal die Katze im Sack gekauft. Am schlimmsten war der Monat September, in dem ich mich nach einem kolossalen Fehlgriff zwei Wochen lang von einem Zweigallonenkanister fettfreier Sojamilch ernähren musste.
Die entbehrungsreichen Monate und unermüdlichen trial-and-error-Prozesse lieferten schließlich drei Milchsorten, auf die man bauen kann: Organic Valley, Horizon Organic und Real California Milk. Dumm nur, dass diese jeweils exklusiv für einen Supermarkt produziert werden. Und der befindet sich natürlich nicht in Nähe des Colleges:
Organic Valley bei Price Chopper (3 km vom College, $8 mit dem Zipcar, $14 mit dem Taxi oder zwei Stunden zu Fuß)
Horizon Organic bei Trader Joe’s (in Shrewsbury, 8 km, Zipcar $16, Taxi $30, ein Tagesmarsch)
Real California Milk bei Walgreens (in Boston, 60 km, Zipcar $32, Taxi ein halbes Monatsgehalt, Wochenendausflug mit dem Fahrrad mit Zwischenübernachtung in Framingham).
Und so wie mit der Milch geht es einem mit vielen Produkten, die man in Europa im Vorbeigehen, hier aber nur nach sorgfältiger Planung in einer Art Rundreise erreicht. Ich habe deshalb beschlossen, diesen bedrohten Schätzen der Erde eine eigene Rubrik zu geben.
Nennen wir sie “Unerreicht” – im doppelten Wortsinn.