Die Aussicht, unserem Geisterhaus für ein paar Stunden zu entfliehen, zaubert ein Glitzern in Cris‘ und meine Augen – wir beschließen aber trotzdem vorsichtig zu sein. Wer weiß, welche Fallen das Nachbarhaus bereithält…
20 Uhr. Wir betreten das Haus vorsichtig, in leicht gebückter Haltung und kneifen – mitterweile reflexartig – die Augen zusammen. Doch wir werden angenehm überrascht: die Wohnung sieht auf den ersten Blick sehr passabel aus und beim Anblick des gepflegten Teppichs und der neuen Möbel spüre ich einen leichten Anflug von Neid in mir aufwallen.
Doch – wie so oft – versteckt sich auch hier der Teufel im Detail: im weiteren Verlauf des Abends werden wir Zeugen, wie sich die Moskitotür so stark im Türrahmen verkeilt, dass die Wohnung nur noch durch die Hintertür betreten und verlassen werden kann. Im Esszimmer baumelt ein vergoldeter Leuchter mit allerlei Glitzer und Glimmer, und zwar buchstäblich nur noch am seidenen Faden. Am Leuchter befestigt ist eine Kette, vermutlich um ihn einzuschalten. Wir erfahren jedoch, dass der Leuchter als elektrisch unberechenbar gilt und jede Berührung daher absolut tabu ist. Unter dem Leuchter steht ein wunderbarer Esstisch aus Mahagoniholz, der eine gewisse Ruhe ausstrahlt und etwas vom einstigen Glanz des Hauses erahnen lässt.
Alan steht in der Küche und kocht, während Antoine und Mariajo damit beschäftigt sind, von der Decke herabfallendes Dämmmaterial aufzufangen, bevor es in den Töpfen und Pfannen landet.
Und so beginnt das erste gemeinsame Dinner in der neuen Welt in 18 Caro Street, Worcester, Massachusetts. Es ist uns innerhalb von vier Tagen gelungen, unsere Ruinen in lebenswerten Wohnraum zu verwandeln, echte Lebensmittel einzukaufen und für zwölf Personen Abendessen zu machen. Wir fühlen uns wie die ersten Siedler am Thanksgiving Day, nachdem sie dem kargen Land ein bisschen Ernte abgerungen hatten. Ich blicke in die Runde: Jedem einzelnen ist totale Erschöpfung, aber auch tiefe Freude ins Gesicht geschrieben. Jeder genießt seine Pasta, schwärmt – einen Moment lang sind wir alle Italiener. Oder Europäer. Jedenfalls nicht in Amerika. Das College, die ersten Begegnungen mit den Studenten, der Stress der nächsten Wochen – das alles ist weit weg.
Die paradiesische Freude hält genau zwei Minuten. Sie wird beendet von einem dumpfen Knall aus dem Keller und einem kompletten Stromausfall in der gesamten Wohnung. Da während des Essens bereits die Jalousien geschlossen waren und niemand an Kerzen gedacht hatte, bricht völlige Finsternis über uns herein. Nach einigen tastenden Minuten gelingt es uns immerhin, die Jalousien zu öffnen, sodass etwas vom fahlen Mondlicht hereinfällt. Antoine erkundet mit der Taschenlampe den Keller und tatsächlich, fünf Minuten später erstrahlt die Wohnung wieder in hellem Glanz. Unter dem Jubel der Anwesenden steigt der Held des Abends leichenblass aus dem Keller. (Antoine möchte über seine Entdeckungen bis heute nicht reden).
Das Essen scheint gerettet, jedoch vergisst Maria José sich in der allgemeinen Euphorie einen Augenblick lang selbst. Sie beschließt, den Raum eine Spur heller zu beleuchten – und bricht das große Tabu. Und so erreicht der Abend den Höhepunkt, als der Esszimmerleuchter nach einem beherzten Zug an der Kette mit einem unvergesslichen Geräusch auf dem festlich gedeckten Mahagonitisch aufschlägt.
Morgen essen wir wieder bei uns.



